Der letzte seiner Art

Der letzte seiner Art

Milchbauer Holger

 

In der aktuellen Ausgabe No 62 des sisterMAG Magazins ist gerade Der Milchbauer Holger erschienen. Auch hier habe ich wieder Text und Fotos für den redaktionellen Beitrag geliefert. Schon in der letzten Ausgabe habe ich von Der Hutmacher aus New York berichtet. Der erste Artikel meines Langzeitprojekts Altes Handwerk über den Hutmacher kam so gut an, dass nun gleich der zweite folgte.

Den schön gestalteten Beitrag direkt im Portfolio Der Milchbauer ansehen!

Vielen Dank auch wieder an Redakteurin Carolin für die gute Zusammenarbeit!

Hier geht es direkt zum sisterMAG Artikel zum Blättern in deutsch: Der Milchbauer Holger

Und hier die Version in Englisch: Holger, the dairy farmer

 


 

Oder wer den Text direkt lesen möchte:

Milchbauer Holger

Der letzte seiner Art

Ich weiß noch ganz genau, wie ich als Kind mit der Milchkanne in der Hand die paar Häuser zum anliegenden Bauernhof geschlendert bin, um frische Milch zu holen. Das Beste daran war der Rückweg. Denn hier galt es die Kanne hüpfender weise so schnell zu schleudern, dass weder der Deckel abflog, noch die Milch verschüttet wurde.

Seither hat sich auf dem Milchbauernhof nicht viel verändert. Bei uns in der Nachbarschaft gibt es nämlich noch den letzten Milchbauern im Raum Hamburg, der ganz traditionell melkt und arbeitet – Holger Eggers.

Schon Holgers Eltern betrieben auch den Hof. Marianne habe ich immer mit Kopftuch, Kittel, roten Wangen und einem Lächeln in Erinnerung. Und Gustav mit verwaschenem Blaumann und Schiebermütze. Eben Bauern, wie man sie sich vorstellt. Ihr Sohn Holger übernahm 1989 den Hof, nachdem er 1989 eine Ausbildung zum Landwirt abgeschlossen hatte. In den Wintersemestern belegte er noch einige Kurse wie Klauenpflege und Sachkunde Pflanzenschutz und machte so seinen staatlich geprüften Landwirt. Als ich Holger fragte, wann er angefangen hat, sagte er: “Man wächst da eben so rein. Mit 10 Jahren habe ich auch schon hier und da mitgeholfen.”

Erwartet wurde allerdings nicht, dass er den Hof übernimmt. Holger hatte aber Lust auf die Tiere, die Natur, den Werdegang der Jahreszeiten mit allem, was dazu gehört. Er bekam eine Lehrstelle auf Hahnöfersand bei einem Betrieb mit Schweinen, Rindern, Bullenmast und Milchkühen mit Nachzucht. Danach war für ihn klar, dass sein Schwerpunkt auf den Milchkühen liegen sollte.

Auch wenn die Zeit auf dem diesem Hof stillzustehen scheint, hat sich für die Milchbauern seither viel verändert. Die größte Veränderung macht dabei das Klima aus.

“Wir haben keine vernünftigen Winter mehr. Die Sommer sind entweder zu heiß oder zu nass.” Da die Winter so milde sind, stellt Holger seit 10 Jahren viel mehr Parasiten und Zecken bei den Tieren fest.

Eine weitere Entwicklung, und zwar nicht zum Positiven, ist die zunehmende Bürokratie. Es muss soviel dokumentiert werden, dass bald 70% der Zeit für Düngemittelverordnungen, Pflanzenschutz und Medikamenteneinsatz drauf gehen. Holger meint: “ Vergeudete Lebenszeit. Und das nur für den Fall, dass mal eine Kontrolle stattfindet. Ansonsten verstauben die Unterlagen im Ordner. Ich habe sowieso alles Wichtige im Kopf. In der Zeit würde ich viel lieber etwas Produktives, Nachhaltiges, etwas Sinnvolles tun.”

Und sinnvolle Arbeiten gibt es einige. Holgers Kühe sind mindestens 6 Monate im Jahr Tag und Nacht zum Weiden draußen. Morgens um halb sechs holt er sie zum Melken von der Weide in den Stall. Er ist der letzte seiner Art, der in klassischer Anbindehaltung, direkt in den Melkeimer und zwischen den Kühen arbeitet. Die Milch wird direkt in den Melkeimer gelassen, der dann auf kürzestem Wege in einen großen Tank umgefüllt wird. Die Tanks werden dann alle 2 Tage bei mindestens 6 Grad von der Meierei abgeholt.

Gemolken wird morgens und abends. Dazwischen besteht Holgers Alltag aus Getreideanbau, natürlichem Düngen, Einzäunen, um die Weiden zu wechseln, Mähen und Heu machen. Das hohe Gras muss zum rechten Zeitpunkt gemäht und 2-3 mal gewendet werden, bevor es zu Rundballen aufgepresst und eingefahren werden kann. Dabei besteht eine große Wetterabhängigkeit. Kommt zwischendurch ein Schauer, muss das Heu erneut gewendet werden, um es wieder von der Sonne austrocknen zu lassen und Fäulnis vorzubeugen.

Ich habe Holger gefragt, wie all diese Arbeiten für einen alleine zu schaffen ist. Denn ich weiß ja, dass es für ihn weder Wochenenden gibt, noch je einen Urlaub gab. Und was ist, wenn er mal krank würde? So etwas wie Grippe kennt Holger nicht. Wenn nichts mehr geht, aber die Kühe müssen trotzdem zweimal täglich gemolken werden. Holger sagte: “Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere.” Einmal hatte er sich eine Hand gebrochen. Doch einige Zeit vorher kam ein Bekannter auf den Hof, der privat und beruflich viel Stress hatte und eine Abwechslung suchte. So hatten sie gemeinsam mit den Tieren gearbeitet und der Bekannte konnte übernehmen, als Holger kurz ausfiel. Es kommt gar nicht so selten vor, dass Leute auf den Hof kommen und mal gucken oder helfen wollen. Die Kinder sowieso; so wie ich früher auch. Aber auch Erwachsene wollen sich mal zeigen lassen, wie gemolken wird oder suchen etwas, was sie in ihrem Leben nicht finden. Denn der Umgang mit den Tieren wirkt therapeutisch. Neulich kam eine Frau auf den Hof und fragte, ob sie mal mit den Kühen kuscheln dürfte. Holger erlaubte ihr auf die Weide zu gehen und es zu probieren. “Sie werden Dir schon zeigen, ob sie es wollen, oder wann sie genug haben.” Seine Kühe sind menschlichen Umgang gewöhnt, denn Holger läuft ja immer zwischen ihnen herum, und ist ihnen auch beim Melken im Stall sehr nah. Da wird auch zwischendurch gestreichelt und Nähe gesucht. Mit Kühen aus großen Milchbetrieben mit 300 Tieren kann man das nicht machen. Ein Tierarzt, der neulich bei ihm war, war total erstaunt, wie friedlich seine Tiere waren, und dass Holger jede mit ihrem Namen ansprach. Er kannte nur die Melkbetriebe, in denen die Kühe bockten und austraten, zwischen denen man nicht durchlaufen konnte.

Die Kinder, die bei ihm die Milch probieren wollen, fragt Holger erstmal, ob sie frische Rohmilch denn auch abkönnen. Denn die meisten kennen ja nur die 1,5%ige Milch, welche Holger liebevoll “gefärbtes Wasser” nennt.

Holger hat sich einer Meierei angeschlossen, die zusammen mit ca. 200 Milchbauern eine Genossenschaft bildet. Seine Milch wird später im gesamten “weißen Sortiment” verarbeitet, wie Babynahrung, Milch, Joghurt und Sahne zusammen dann heißen.

Die Zusammenarbeit mit anderen Landwirten ist entscheidend. So teilt man sich das Mähdreschen und Abfahren der Weideländer. Da landwirtschaftliche Maschinen immens kapitalintensiv sind, ergänzen sich die Kollegen; der eine durch Manpower, der andere zum Beispiel durch das Leihen des Geschirrs.

Holger lacht herzlich, als er mir erzählt, wie es oft abläuft, wenn die Kollegen zusammenarbeiten. Schon morgens zu Beginn sagt Holger dann in feinstem plattdeutsch: “ Man to, man to, ward glieckst wedder düster.” (Mach zu, mach hin, es wird schon gleich wieder dunkel.) Und die Kollegen dann: “Eggers, entspann di.”

Als Holger anfing hieß es: Wir müssen für den Weltmarkt produzieren! Von dieser Euphorie ist schon lange nichts mehr zu hören. In seiner Zeit hat er schon 5 Meiereien beliefert, weil 2 pleite gegangen sind, und sich weitere umgestellt haben. Richtig gefördert werden die Großbetriebe. Während die Auflagen, Lohn- und Energiepreise stetig steigen, haben die Milchpreise traurigerweise einen ähnlichen Wert, wie in der 70er/80er Jahren. Die Klagen von Interessengemeinschaften und Boykotts wie das Milch Wegschütten haben nicht geholfen. Daher ist es fraglich, ob es in Zukunft noch überhaupt noch Kleinbetriebe geben wird. Holger hat bisher jedenfalls keinen Nachfolger gefunden. Und das, obwohl die nächste Generation von vielen seiner Maßnahmen der letzten Jahre profitieren würde. Er hat langfristige Ziele verfolgt und zum Beispiel den PH Wert seines Bodens von 6,2% auf 4-4,5% reduziert. Seine Wiesen wurden zum Naturschutzgebiet anerkannt, auf denen nur wenig gedüngt werden darf.

Finanziell lohnen tut es sich nicht, die 16-18 Kühe auf 52 Hektar Landfläche zu halten. Aber er liebt auch heute noch die Arbeit mit den Tieren und der Natur. “Deutschland wird sich bald nicht mehr ernähren können.” sagt Holger. Und so wird wohl meine Kindheitserinnerung auch bald aussterben. Kinder werden nicht mehr in den Stall gehen und sich von den frisch geborenen Kälbchen am Finger saugen lassen und die rauen Zungen spüren, oder die Milchkanne hüpfend auf dem Heimweg schwenken können.

 


 

Infobox

In ihrem fotografischen Langzeitprojekt Altes Handwerk & Traditionsberufe zeigt die Hamburger Fotografin Andrea Lang Handwerker, alte und klassische Berufe, Berufungen mit Leidenschaft und Profession. Einfach, inszeniert, schwarz-weiß Portraits im alten Stil, inspiriert durch August Sander. Anders als bei ihren Werbe-Shootings mit Fotokonzept sind diese Aufnahmen nicht lange vorbereitet, sondern im Reportagestil, ohne größere Inszenierung.

“Ich durfte wahnsinnig spannende Geschichten hören, habe von ihren Tätigkeiten begeisterte Menschen getroffen und tolle Einblicke in Werkstätten und Arbeitsweisen gewonnen. Einer von ihnen fragte mich, was mein Beweggrund für diese Serie war. Mir war schon immer wichtig mit meinen Fotos eine Geschichte zu erzählen. Ich sehe, wie viel in Vergessenheit gerät, und ich möchte einen Teil davon bewahren.” Bei ihren Recherchen fand die Fotografin heraus, dass es den Beruf des Kutschenbauers in Deutschland nicht mehr gibt. „Es lohnt sich einfach nicht mehr“, wurde ihr gesagt. Im September 2020 konnte Andrea Lang die erste Fotoausstellung zum Projekt in einem offenen Gewächshaus verwirklichen. 23 Portraits bewegten sich, in alten Eisen-Fensterrahmen präsentiert, im Wind und gingen eine Verbindung mit der idyllischen Umgebung und Natur ein. Der erste Schritt zur Erinnerung, dass qualitativ hochwertiges Handwerk auch bezahlt werden will, war gemacht. Und damit vielleicht auch der erste Schritt, ein fast vergessenes Handwerk nicht aussterben zu lassen.